Die Krise als Ruf ins Aufwachen

In was für einer Zeit leben wir! Alles scheint sich zu verändern. Wir werden mit grossen Herausforderungen konfrontiert, unser Gesellschaftsbild verändert sich rapide. Heute ist es sehr wahrscheinlich, dass wir einen Nachbarn oder einen Arbeitskollegen haben, der eine andere Muttersprache hat, andere Essgewohnheiten und eine andere Religion praktiziert. Für viele von uns ist es schön in so einer vielseitigen Gesellschaft zu leben, bei anderen löst dies Unsicherheit, Angst und sogar Ablehnung aus. Jetzt kommt durch die neuerliche Migration und dem Virus eine neue Welle der Herausforderung auf uns zu. Unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen werden erschüttert und wir stehen überwältigt und zutiefst verunsichert davor. Eine innere und äussere Krise bahnt sich an und wir müssen erkennen, dass wir ihr nicht entkommen können. Was wird von uns Menschen verlangt? Wer bin ich ich, wo stehe ich und was soll ich tun? In Zeiten der Krise wird von uns verlangt unser Bewusstsein auf eine neue Ebene zu führen, wenn wir als Gesamtheit, als „Projekt Menschheit“ überleben wollen. Es ist dringend geboten Wege zu finden, die uns nicht in die Trennung und in die Angst führen, sondern uns helfen in gegenseitiger Achtung und Anerkennung, Lösungen zu finden. Es ist auch eine Krise, die uns aufzeigt, dass wir Menschen in einen ausufernden Materialismus geschlittert sind und damit in einen engstirnigen Egoismus, und wir den Sinn und Zweck unseres Daseins aus den Augen und Herzen verloren haben.
Diese Krise zeigt uns auch ganz klar, dass wir in gegenseitiger Abhängigkeit, also auch Verbundenheit, existieren und dies unsere menschliche Realität und Wirklichkeit formt. Wie wir uns selbst sehen, formt auch unsere Sicht und unsere Handlungen gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt. Wenn wir uns nur über unsere Leistungen und unseren Besitz identifizieren und wertschätzen, wenn wir weiterhin unsere aggressive Wirtschaft gegenüber unserer Natur und den Menschen ausüben, kann nur Angst und Hass in unser Wesen fliessen. Wir alle schätzen es, wenn wir Freundlichkeit, Toleranz, Mitgefühl und Grosszügigkeit erleben und wir alle mögen es nicht, wenn Engstirnigkeit, Feindseligkeit, Bosheit und Gier gezeigt wird. In einer Atmosphäre der Warmherzigkeit, der Achtung, der Versöhnlichkeit und der Fürsorge gedeiht der Mensch. In Zeiten der Krise ist es wichtig, dass jede und jeder Einzelne sich auf die inneren Werte, die uns Menschen erst zu einem wahren menschlichen Wesen werden lassen, besinnt. "Was bedeutet für mich Mensch zu sein?", "Was ist mir wesentlich?", "Wie verbinde ich mich mit meiner Würde?" sind Fragen, die ich mir stellen muss, damit meine geistige Haltung sich formen kann und mein Herz sich mit der grossen allumfassenden Einheit verbinden kann.

Dem Mitgefühl Raum geben: Menschheit als Familie

Vor allem in Zeiten, wenn Angst und Sorgen uns mehr einnehmen und wir spüren wie Misstrauen und Trennung sich in unserem Wesen ausweiten, ist es wichtig innezuhalten, tief einzuatmen und uns an das zu erinnern, was uns alle verbindet: jeder Mensch, egal welcher Kultur, welchen Glaubens, welcher Ideologie zugehörig, möchte Leid und Schmerz vermeiden und strebt nach Glück. Wenn wir dies erkennen, kann sich in uns wieder ein Gefühl regen, dass uns Menschen, zu wahren Menschen macht, das Mitgefühl. Wenn wir diesem Wissen und diesem Gefühl Raum in uns geben, können wir sehr wohl weiter den notwendigen Massnahmen nachgehen, aber wir brauchen uns als Menschen nicht voneinander trennen, wir können uns mit der Menschheit als Gesamtheit identifizieren und somit auf Lösungen kommen, die unserer würdig sind.  Wenn unser Benehmen und unsere Handlungen vom Geiste des Mitgefühls getragen werden, wächst unser Urteilsvermögen über uns hinaus und  unser Tun wird von der Sorge um das Wohl der Menschheit geleitet werden. Wir haben als Menschen nicht auf Grund unserer Klugheit bis jetzt überlebt, sondern auf Grund der Zärtlichkeit unserer Herzen.


März 2020, Fawzia Al-Rawi