Drehtanz

Der Drehtanz ist nicht nur eine der ältesten Techniken der Sufis, sondern auch eine der wirkungsvollsten. Es ist ein Wirbelsturm und doch in der Mitte ganz ruhig. Dein inneres Sein wird gleichsam der Drehpunkt und dein Körper zu einem kreisenden Rad. Du wirst die Mitte des Universums, ganz bei dir und doch mit allem verbunden. Es ist der stille Dialog zwischen dem inneren und dem äußeren Universum. Musik und Tanz verbinden sich im Rhythmus, der die Brücke schafft zum Pulsschlag des eigenen Herzens und zur Präsenz der anderen.

Der Drehtanz soll aus der Nüchternheit des Alltags über eine Ekstase – Ekstase im Sinne der Glückseligkeit der Einigung - in eine Nüchternheit höherer Ordnung führen. So verstanden kann der Drehtanz als eine „Leiter zum Himmel“ gesehen werden oder auch als Teil von Tawhid, der Wissenschaft der Einheit allen Seins.

Fawzia Al-Rawi entwickelte den Drehtanz mit Blick insbesondere auf die weiblichen Aspekte weiter, sodass er hier der körperlichen Heilung und Stärkung einerseits, der Anregung der spirituellen Kräfte andererseits zugute kommt.

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Der Drehtanz wurde schon im 9. Jahrhundert von den Sufis in Bagdad praktiziert und dann von Sultan Walad, Jalal Ad-Din Rumis Sohn, anlässlich der Organisation des Mevlevi-Ordens institutionalisiert und perfektioniert. Der islamische Mystiker und bedeutende persische Dichter des Mittelalters Jalal Ad-Din Muhammad Ar-Rumi praktizierte ihn noch spontan und zum Teil ungestüm.

Das Sama-Ritual in seiner vollendeten Form stellt die spirituelle Reise des Menschen zum Göttlichen und seine Rückkehr als Dienender dar. Jede Geste hat symbolische Bedeutung und wird mit Bedacht und Konzentration ausgeführt.

Mein Himmel und Meine Erde umfassen Mich nicht,
aber das Herz Meines gläubigen Dieners umfasst Mich. (Hadith Qudsi)

Drei Jahre müssen die SchülerInnen üben. Sie lernen drei Jahre lang - 1001 Tage - im Grunde die Kunst des „Tretens auf der Stelle“. Sie lernen, sich im Kreis zu drehen, ohne äußerlich vom Fleck zu kommen. Das Ziel ist erreicht, wenn die Übenden beim Kreisen den Drehpunkt genau einhalten können.
Es beginnt, indem man den Kreis in vier Teile aufteilt. Jeder Teil dieses Kreises wird mit dem rechten Fuß berührt, dann wird der Kreis in zwei Teile aufgeteilt und die Drehungen sollen mit zwei Stößen des rechten Fußes erreicht werden. Zuletzt soll eine ganze Umdrehung mit einem Schwung erreicht werden.
Die Grundlage unserer Existenz - vom Atom bis hin zum Kosmos - basiert auf einer Drehbewegung. So suchen die Tanzenden im Drehen die Harmonie mit Natur und Schöpfer.

Der Sama oder die Muqabala (Drehritual)

... und wenn die Reise zu Gott beendet ist, beginnt die unendliche Reise in Gott.

Sama (DMG ṣamā‘) heißt „Hören“ und zwar im Sinne des Hörens auf die zur Einheit führenden Klänge. Das Hören konzentriert sich auf das Wahrnehmen verschiedenster Formen des „Klanges der Einheit“ oder - anders ausgedrückt - der „Stimme der Stille“. Mevlana (Maulana „unser Herr/Meister“, von arabisch Maula, DMG mawlā „Herr“, in der türkischen Aussprache Mevlana) – so wurde Rumi von den Derwischen um ihn herum sowie von seinen späteren AnhängerInnen genannt - zum Beispiel hörte die süße Melodie der göttlichen Frage: „Bin ich nicht euer Herr?“ (Sure 7, 172)

Der Buchstabe „H“ am Ende von ALLĀH weist auf den Hauch hin, in dem letztlich - mit den „Augen des Herzens“ - ein Abglanz Seiner Majestät erblickt wird. „HUUUU“ rufen die Mevlevis am Ende ihrer Gebete.

Muqabala
(DMG muqābala) wiederum bedeutet „Begegnung, Meditation“. Die Begegnung mit dem eigenen göttlichen Licht, aus dem heraus das Licht in allen Geschöpfen erkannt und gesehen wird.

Entgegen der üblichen Meinung ist es nicht das Ziel der Drehenden, in eine Ekstase zu verfallen. Vielmehr dreht man - wie bereits erwähnt - in Harmonie mit der Natur, mit den kleinsten Zellen und den Sternen am Himmelsgewölbe, und wird damit Zeuge der Majestät und Existenz des Schöpfers. Es ist ein Denken an Ihn, ein Danken und ein Beten zu Ihm. In diesem Tun bestätigt die bzw. der Drehende das Wort des Korans: „Was im Himmel und auf Erden ist, preist den Einen Gott.“ (Sure 64, 1)

Eine wichtige Wirkung dieses achthundert Jahre alten Rituals ist, dass es die drei fundamentalen Komponenten der menschlichen Natur zusammenführt: Den Verstand, die Gefühlswelt und den Körper.

Die Zeremonie des Sama stellt den spirituellen Weg des Menschen dar: Das geistige Wachsen mittels Intelligenz und Liebe bis zur Vollkommenheit al-kamal (DMG al-kāmil). Im Drehen der Wahrheit entgegen wächst die bzw. der Drehende durch Liebe, transzendiert das Ego, um letztlich auf die Wahrheit zu treffen und Vollkommenheit zu erlangen. Dann kehrt er bzw. sie zurück von ihrer spirituellen Wanderung, befähigt, zu lieben und dieser Schöpfung mit allen Geschöpfen zu dienen, ohne Unterscheidung von Glaube, Klasse oder Ethnie.

Die bzw. der Wirbelnde bildet die Verbindung zwischen der unsichtbaren und der sichtbaren Welt, zwischen der materiellen und der kosmischen Welt.

Die Drehbewegung des Sufi-Tanzes ist gegen den Uhrzeigersinn. Der linke Fuß bleibt meist mit dem Boden verbunden, während der rechte den Drehschwung gibt, sich rhythmisch hebt und abstößt und das Tempo der Drehung bestimmt. Die leichte Rechtsneigung des Kopfes „verbindet mit einer imaginären Linie Gehirn und Herz“ und führt die Integration von Gefühl und Verstand herbei.

Im Drehen von rechts nach links ums Herz herum umarmt die bzw. der Drehende in Liebe die gesamte Menschheit. Der Mensch wurde in Liebe erschaffen, um zu lieben. Die Sufis sagen: „Alle Liebe ist eine Brücke zur göttlichen Liebe; doch wer nie einen Geschmack davon hatte, weiß es nicht.“ Die rituellen Drehungen sollen von allen störenden Gedanken befreien und in Trance versetzen, bei der der Körper das Schwindelgefühl überwindet. Die bzw. der Sufi repräsentiert das Tor der Erleuchtung. Labayk, Labayk! „Hier bin ich zu Deinen Diensten!“ Die Kraft, die während des Drehens über sie bzw. über ihn kommt und durch sie bzw. durch ihn hindurchgeht, wird nicht hinterfragt.

Der Tanz wird zum Mittel der hingebungsvollen Einswerdung mit dem Höchsten und so zum Gottesdienst in engstem Sinn. Wenn daher die mystischen TänzerInnen durch den Symbolgehalt ihrer Gesten daran erinnert werden, dass sie sich nicht allein für sich selbst drehen, sondern um der Allgemeinheit zu dienen, so ist auch dies in erster Linie für ihr persönliches und introvertiertes Erleben wichtig. Die TänzerInnen stehen als MittlerInnen zwischen den jenseitigen und diesseitigen Dimensionen der Existenz. „Ich war ein verborgener Schatz und sehnte mich, erkannt zu werden“ ist die Ursache des Seins nach Auffassung der Sufis, ist die Erklärung für die Entstehung der Vielheit, durch die die Einheit sich selbst betrachtet. Die eher passive Rezeptivität drückt sich auch in dem vergleichsweise geringen Krafteinsatz des Gebetstanzes aus.

Durch das Lassen und Loslassen der Emotionen wird innere Freiheit gewonnen und die Toleranz gegenüber anderen gefördert, ebenso sind gesteigerte Klarheit des Denkens, erhöhte Aufnahmefähigkeit sowie eine Erleichterung von innerem Druck feststellbar. Jeder bzw. jede, die gerne tanzt, weiß, dass Tanzen Einfluss hat auf die Wahrnehmung von Realität und auf das Denken, wo es einen Wandel von Bedeutung und Inhalten hervorzubringen vermag, und dass Tanzen Gefühle von Verjüngung und Erneuerung mit sich bringt. Denn:

Wenn das Herz voller Freude springt und das Entzücken groß ist und die Erregung zum Ausdruck  kommt und gewöhnliche Formen abhanden gekommen sind, ist diese Erregung weder Tanz noch körperlicher Genuss, sondern die Auflösung der Seele. Ibn Taymiya (1263 – 1328)

Text von Rosina-Fawzia Al-Rawi

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